Die politische Situation in Bolivien verschaerft sich in den letzten Wochen mehr und mehr. Nachdem vor etwa zwei Wochen eine neue Verfassung vom Parlament beschlossen wurde, herrscht im Land ein buntes durcheinander, das von schweren politischen sowie von einigen gewaltaetigen Auseinadersetzungen gekennzeichnet ist. Zuletzt starben sogar drei Menschen in der Stadt Sucre bei einer solchen. Die neue Verfassung ist ein Projekt der linken, vom indigenen Praesidenten gefuehrten Regierung. Seit zwei Jahren sorgt die Ausarbeitung der Verfassungspunkte fuer viel Unruhe und Durcheinander im Land. Die rechte, regionale Opposition des Tieflandes, also des wohlhabenderen Teil des Landes, befuerchtet Macht und Besitzverlust. Die Verfassung enthaelt allerdings viele Punkte, die dem Grossteil der Bevoelkerung zu gute kommen wuerde und ihre Lebenssituation moeglicherweise um einiges verbessern koennte. So bestuende nach neuem Recht beispielsweise Schulplicht fuer jedes Kind und zum ersten Mal wuerde der multiethnische Charakter Boliviens annerkannt. Der indigenen Bevoelkerung, welche mindestens 60% der Gesamtbevoelkerung ausmacht, wuerde mehr Moeglichkeit zur gesellschaftlichen und politischen Partizipation geschaffen. Zudem besteht der Versuch Diskriminierung aufgrund von ethnischem Hintergrund zu verringern.Die jedoch wahrscheinlich entscheidende und schwerwiegenste Veraenderung waere die nationale Umverteilung von Ressourcen, wie sie die Verfassung vorsieht. Die Opposition des Tieflandes profitiert derzeit von ihrem wirtschaftlichen Erfolg und ist nicht gewillt, das ganze Land daran teilhaben zu lassen. Stattdessen wird vor dem “bevorstehenden Kommunismus” gewarnt – eine teilweise durchaus manipulierend wirkendePropaganda versucht demnach davon zu ueberzeugen, dass die Rechte, und damit die Besitzenden , an die Macht zurueck muessen, um das Land den richtigen Weg zu weisen… Dieses Vorhaben gelingt zwar zu nicht unerheblichen Teilen, ein grosser Teil der Bevoelkerung steht jedoch hinter der Regierung. Nicht verschweigen moechte ich jedoch, dass die Regierung selbst sich aehnlicher Propaganda bedient, wie es ihre Opposition tut. Davon zeugt eine Vielzahl von Fernsehspots, die von dem Slogan “Bolivia cambia, Evo cumple!” begleitet werden. Das bedeutet so viel wie “Bolivien aendert sich, Evo schafft das!”. Die schoene, dazugehoerige Meolodie ist ein nervtoetender Ohrwurm…Aufgrund sieser Umsatende, haben nun vier von neun Derpartamentos eilig verfaßte „Autonomiestatute“ veroeffentlicht, welche jedoch nicht gesetzlich legitimiert sind und somit auch keine offizielle Geltung besitzen. Nichts desto trotz ein eindeutiges Zeichen. Offiziell besteht von unserer Austauschorganisation zurzeit Reiseverbot. Aber kein Grund zur Sorge, in La Paz ist alles weitestgehen ruhig und ich schaetze (hoffe), dass sich die lage auch wieder beruhigen wird.
Persoenlich fuehle ich mich zurzeit sehr wohl, ich habe viele Leute um mich, Bolivianer(innen) wie auch viele Spanier(innen) und Freiwillige aus anderen Laendern. Bei uns in der Wohnung ist regelmaessig Fiesta und alle freuen sich… Dementsprechend sieht es dort auch aus. Es hat bisweilen auch den Charakter einer Herberge fuer alle durch La Paz Reisenden Bekannten oder eben fuer Freunde die eibfach keine Lust haben nachts zu sich zu fahren…
Meine Arbeit gestaltet sich so, dass ich eine Woche in El Alto, der ersten Etappe des Alalay Projektes arbeite, und die andere Woche in einem Kinderdorf (die dritte Etappe) ausserhalb von La Paz verbringe, welches ebenfalls zu Alalay gehoert. Ertse etappe bedeutet, dass in diesem Haus Jungen (es gibt auch ein Haus fuer Maedchen) aufgenommen werden, die direkt von der Strasse kommen. Die Arbeit in diesem Haus gefaellt mir, genauso die Arbeit im Kinderdorf. Sie unterscheidet sich aber doch sehr deutlich und ist auch anstrengender. Die Probleme hier sind ganz andere als im Dorf und auch von schwierigerer Natur. Es kommt zum Beispiel durchaus des Oefteren vor, dass sich Kinder entscheiden wieder zurueck auch die Strasse zu gehen – meistens um Drogen zu konsumieren. Viele kommen dann aber nach zwei drei Tagen wieder zurueck, oft vollkommen zugedroehnt… Es ist ihnen allerdings freigestellt das Haus zu verlassen, wenn sie sich dazu entschieden haben. Niemand wird gezwungen auf Dauer im Projekt zu leben, wenn er dies nicht moechte, was ich persoenlich auch fuer sehr wichtig halte. Meine Aufgabe besteht zurzeit darin, einfach fuer die Jungs da zu sein – als eine Art Kumpel oder Freund. Wir machen zusammen Musik, spielen, basteln und Aehnliches. Zudem erledige ichzum Beispiel Aufgaben wie Dinge einkaufen, Kinder zum Arzt begleiten oder irgendwelche Sachen von einem Ort zum anderen zu bringen, also beispielsweise vom Projekt zum Buero in der Innenstadt.
Da auch hier wie in Deutschland nun Weihnachten ansteht, wuensche ich euch allen frohe Weihnachten und dann auch gleich noch ein Frohes neues Jahr!
Liebe Gruesse
Yannick

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